„Das Beste vom Austausch waren die Familien und der Fussball“

austausch_LogoEin ungewöhnliches wie auch spannendes Austausch-Projekt zwischen den Mädchen von Türkiyemspor Berlin und einem aus jüdischen und muslimischen Mädchen bestehendem Team aus Jerusalem bestimmte in den letzten beiden Septemberwochen den Alltag unserer Spielerinnen, Trainer und Betreuer.

Artikel aus der Berliner Zeitung

Reportage bei Deutschlandradio Kultur

Der Berlin-Jerusalem Sport-Austausch wird seit nunmehr über 40 Jahren vom Landessportbund Berlin organisiert. In diesem Jahr stand der Frauenfussball auf dem Plan. Frauen- und Mädchenfussball in Israel ist nicht besonders weit entwickelt, geschweige denn anerkannt bzw. populär. Der Mädchenfussball beschränkt sich ausschliesslich auf Wettbewerbsspiele innerhalb der Schulen. Engagierte Mitarbeiter der Stadtverwaltung Jerusalems haben es ermöglicht, ein arabisch/jüdisches gemischtes Mädchen-Team nach Berlin zu schicken.
Es ist nunmehr erst das 2. Mal, dass ein muslimisch/jüdisch gemischtes Sport-Team Berlin besucht. Der LSB entschied sich für die Mädchenabteilung von Türkiyemspor Berlin, da Türkiyemspor die Erfahrungen jahrelanger interkultureller Arbeit in das Projekt miteinbringen sollte.

Ungewissheit und die erste Begegnung

Wir wussten nicht viel: Es gab eine Liste mit 17 Namen, davon seien die ersten 10 unserer Liste Jüdinnen und die restlichen sieben Araberinnen, irgendwo versteckte sich auch eine Christin. Es gab Wünsche und Bedenken. Manche durften nicht in Türkische Familien, manche wollten lieber kein Jüdisches Mädchen. Nachdem wir die Liste nach Gebutsdatum, alle so um die 16 Jahre, sortiert hatten, waren sie nur noch jünger oder älter. Wer Jüdin oder Araberin war, konnte man nun auch nicht mehr anhand der klangvollen Namen unterschieden. Wir entdeckten auch russische Namen und wunderten uns über ein Mädchen Namens “Daniel”. Und am Wochenende sollten sie bei unseren Familien sein. Von Freitag bis Sonntag.

Die erste Begegnung war auch die leiseste. Schüchtern, still und neugierig saßen alle bunt zusammengewürfelt an den Tischen im Restaurant zum ersten gemeinsamen Begrüßungsessen. Doch nach 10 Minuten war es laut und nach dem Essen hielt es keine mehr auf den Plätzen und alle stürmten raus, um voller Ungeduld zumindest schon mal gemeinsam den Herrmanplatz zu entdecken. Erste Kontakte waren geknüpft. Wir mitgestalteten die Planung des Programms und legten unsere zuerst selbst ausgedachte Stadttour dann doch in professionelle Hände. Sehr empfehlenswert und interessant die lebendige “Route 44” mit den beiden liebenswerten Frauen Nuriye und Hiba.

Aktiv in Berlin

Nach dem Sightseeing durch Neukölln bot der Besuch in der Sehitlik Moschee auf dem Columbiadamm den erschöpften Mädchen etwas Ruhe und Entspannung. Sehr aufmerksam lauschten die Mädchen dem fliessend Englisch sprechendem jungem Mann, der spontan die Führung durch die Moschee übernahm.
Um einen Einblick in die arabische Community zu bieten, besuchten wir mit den 17 Mädchen aus Jerusalem den Jugendfreizeitclub Karame e.V. in Moabit. Empfangen wurden wir von sehr freundlichen Menschen und einem mit leckeren Falafeln gedeckten Tisch. Der Vorsitzende Mohamad erzählte uns von der arabischen Community im Allgemeinen wie auch im Besonderen von der 30-jährigen Geschichte des Jugendclub Karame e. V., aber als er bei den Nahost-Geschichts-Workshops ankam, wurde es in unserer gemischten Gruppe hitzig laut.

Jerusalem_Berlin_2010
Jerusalem_Berlin_2010Sep 21, 2010Photos: 105
 

Trotzdem fanden es letztendlich alle bemerkenswert und ganz besonders, dass Jüdinnen, Araberinnen, Deutsche und Türkinnen an einem Tisch sitzen und zusammen essen und lachen können. Um die Vielfalt des muslimischen Leben in Berlin aufzuzeigen, besuchten wir die Alevitische Gemeinde in Berlin Kreuzberg. Der sehr interessante Vortrag von Fr. Tamer gewährte uns allen einen direkten Einblick in die Welt der Aleviten. Sogar die Mädchen von Türkiyemspor erfuhren an diesem Abend viel Neues über ihre Mitmenschen. Der Austausch war auch ein guter Grund, dass unsere Mädchen im Team mal ein Theater besuchten. Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Familie Flöz, die uns mit ihrem Maskenspiel, ihrer Artistik und Magie einen schönen Abend bereiteten. In der Naunynritze, die Jugendeinrichtung in unserer Nachbarschaft, wurden unseren Jerusalemer und Berliner Mädchen die junge Geschichte unseres Vereins und die noch jüngere Geschichte der Mädchen- und Frauenabteilung nahegebracht. Wir verglichen unseren Frauen-Fussball hierzulande mit dem in Israel, es entstand eine sehr lebhafte und interessante Unterhaltung.
Olafle, der begleitende 8-sprachige Dolmetscher, hatte zu tun. Teilweise lief die Diskussion in 5 Sprachen. Nicht jeder sprach oder verstand Englisch, Arabisch, Hebräisch oder Türkisch oder Deutsch.

Im Mittelpunkt: der Fußball

Mit 35 Teilnehmerinnen war das Training auch sehr speziell, aber besonders diese Trainingsabende haben den Mädchen sehr gut gefallen. Insgesamt haben die Mädchen dreimal zusammen trainiert und dabei hat sich gezeigt,wie verbindend Fussball sein kann. Das erste Training sollte auch als Entscheidungshilfe dienen, wurde doch dann ausgewählt, wer geht am Wochenede zu wem. Es flossen Tränen, zu groß war für manche die Angst vor der Fremde. Das Beste vom Austausch waren die Familien und der Fussball, sagten alle.

In den Räumen der Galerie Zeitzone, die uns in einer netten nachbarschaftlichen Geste zur Verfügung gestellt wurden, quer verstreut gemütlich sitzend zwischen Kunst wurden die Erfahrungen der letzten beiden Wochen unter den Teilnehmerinnen ausgetauscht. Hier wurde auch für uns wieder deutlich, wie nötig wir solche Räumlichkeiten für unsere Mädchen brauchen. So kam es, dass wir am nächsten Tag mit kanpp 40 Mädchen den FanClub von Türkiyemspor in der Admiralstraße besetzten. Wie die Männer auch, schlürften an diesem Tag nun Mädchen an den Tischen ihren Tee.

Zu unserem Turnier am Samstag in der Kynaststr, verabschiedete sich die HerbstSonne mit 5-Tage Dauerrregen. Wir bildeten 4 Teams, gemischt versteht sich. Wir haben irgendwann aufgehört, die Turnierergebnisse zu notieren und im Regen trotzdem weiter Fussball gespielt. Manche wollten gar nicht aufhören. Drinnen konnten wir trocknen, und trinken und essen und tanzen. Und wir tauschten Geschenke. Unsere Freunde von BlackStar spendeten 40 wunderschöne T-Shirts als Erinnerungsgeschenk für alle Mädchen. Petra vom Projekt Gekko brachte uns Getränke. Der direkte Fussball-Vergleich bot sich eine Woche später beim bemerkenswerten Gastgeber KSV Johannisthal. Allerdings ohne deren Frauenspielerinnen, die ihr Punktspiel abhalten mussten. Türkiyemspor Berlin-Jerusalem 1:1 Unentschieden, versteht sich. Doch beim Elfmeter-Schiessen zeigte Jessy ihre Stärke. Nach dem Spiel saßen alle Mädchen im Casino vom KSV ganz eng beieinander, hier erwarteten und feierten die Mädchen ihren Abschied.

Ein schwerer Abschied

Sie stiegen in den blauen Reisebus mit Roland, dem Fahrer, der die Mädchen die ganze Zeit über durch die Stadt gefahren hatte. Manchmal fuhren wir auch mit. Unsere Mädchen wünschen sich in Jerusalem auch so einen Bus.
Zusammen fuhren wir in der Nacht zum Flughafen, im Bus sangen und tanzten die Mädchen noch herzlich und ausgelassen. Minuten später in der Flughalle lagen sich alle in den Armen und weinten.
Der Abschied fiel allen schwer.

Dieser Austausch mit den Fussball-Mädchen aus Jerusalem war eines der schönsten Ereignisse, die wir in unserer noch recht jungen Abteilung erlebten. Wir möchten uns beim LSB und insbesondere bei Dietrich Dolgner für das Vertrauen und die sehr freundliche, konstruktive und bereichernde Zusammenarbeit bedanken.

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